Verbesserung der örtlichen onkologischen Versorgung
Verbesserung der örtlichen onkologischen Versorgung durch regelmäßige Konferenzen von Niedergelassenen und Klinikern
F.E. Koch, M. Koch, H. Höfeler, G. Haunerland, H. Eimermacher, M. Schrader, I.A. Adamietz

Im August 1998 wurde auf Initiative des Ärztevereins Witten eine wöchentlich tagende „Onkologische Visite“ gegründet.
Ziel der Initiative des Ärztevereines war es, die Versorgung der onkologischen Patienten in Witten zu optimieren und alle Möglichkeiten sowohl stationär als auch ambulant zunutzen. Durch die aktive Einbeziehung von hausärztlichen Kollegen in Diagnostik und Therapieplanung sollten diese in die Lage versetzt werden, sich kontinuierlich aktiv in die Patientenbetreuung einzubringen.
In Anlehnung an Onkologische Konferenzen in Schwerpunktkrankenhäusern wurde ein Expertengremium berufen, bestehend aus Chirurgen, Gynäkologen, einer Schmerztherapeutin, Strahlentherapeuten, internistischen Onkologen und einem Pathologen, welches die wöchentlich zu besprechenden Fälle mitberaten sollte.

Methodik

Vor den wöchentlichen Visiten erfolgt die Anmeldung der zu besprechenden Patienten bei der örtlichen Onkologischen Schwerpunktpraxis (OSP). Diese sammelt die Anmeldungen und informiert hierüber die Experten. So können sich diese auf die zu besprechenden Fälle einstellen. Nach Abschluss der Visite wird ein Ergebnisprotokoll erstellt. Das Beratungsergebnis jedes einzelnen Patienten wird dem in der Betreuung betroffenen Kollegen sofort per Fax übermittelt.
Wo die empfohlene Diagnostik oder Therapie erfolgt – stationär/ambulant – ist in die Entscheidung des Patienten nach Besprechung mit dem Hausarzt bzw. dem Kliniker gestellt. Die Empfehlungen stützen sich auf die evtl. vorhandenen Leitlinien bzw. wenn diese nicht vorhanden sind, auf validierte Studienergebnisse. Des weiteren wird versucht, Patienten in laufende Therapiestudien einzubringen.

Resultate

In den ersten 64 Wochen seit Bestehen der „Onkologischen Visite“ wurden insgesamt 510 Patienten besprochen. Von diesen war 42 % an einem Mammakarzinom erkrankt, 25 % an einem colorektalen Karzinom, 12 % an einem Lungentumor und 21 % andere Entitäten, wobei hier die hoch- und niedrigmalignen Lymphome ca. die Hälfte (9 %) ausmachten.
Als „Abfallprodukt“ der engeren Kooperation zwischen Klinik und Praxis konnte erreicht werden, dass die stillgelegte Strahlentherapieeinheit in einem hiesigen Kankenhaus reaktiviert und mit einem neuen Gerät ausgestattet wurde. Für die Kooperation wurde die Strahlenklinik der Universität Bochum im Marienhospital Herne gewonnen. So wurde erreicht, dass die Patienten wieder wohnortnah qualitativ versorgt werden können.
Des weiteren erhielt die am Ort ambulant tätige Schmerztherapeutin Zugang zur konsiliarischen Betreuung in einem hiesigen Krankenhaus. Somit ist gewährleistet, dass Patienten von dieser bei Erfordernis kompetent versorgt werden und insbesondere diese in ihrer letzten Lebensphase nur kurzfristig stationär behandelt werden müssen. Dies erleichtert den Wunsch des betroffenen Patienten zu erfüllen, seine letzten Lebenstage zu Hause zu verbringen.
Auch sind im Rahmen der Visite Studien geplant, welche sich mit der Lebensqualität und Patientenzufriedenheit während der Behandlung beschäftigen. Des weiteren werden die Initiatoren wie bisher gemüht sein, Patienten in laufende Studien einzubringen.
Neben den medizinischen Vorteilen für die Patienten sollte erwähnt werden, dass das regelmäßige Gespräch und die enge Kooperation von Niedergelassenen und Klinikern zum Abbau von gegenseitigen Ressentiments geführt hat. Dies kommt in der Folge dann nicht nur den onkologisch behandelten, sondern allen gemeinsam betreuten Patienten zugute. Auch dies dürfte ein nicht zu unterschätzender Aspekt bezüglich der Kostendämpfung sein.
Zusammenfassung
Der Erfolg unserer Initiative bestätigt die Zukunftschancen und die Notwendigkeit solcher Modelle. Hervorgehoben sei, dass diese Initiative in einer der medizinisch bestversorgten Region Europas (Ruhrgebiet) stattfindet. Dies zeigt die Wichtigkeit der Fortführung und Verbreiterung unseres Modells auch in anderen Städten und Regionen.
Im Durchschnitt nahmen neben den Experten zwölf Kollegen aus Praxis und Klinik teil.
Bei den Visiten wurden zwischen fünf bis achtzehn Patienten besprochen. Beides, die Teilnahme wie die Zahl der besprochenen Patienten, ist zunehmend.
Während des Berichtzeitraumes waren von den 510 Patienten 102 Patienten kurativ behandelbar (adjuvante Therapien eines Mammakarzinoms oder colorektalen Karzinoms), bei 408 Patienten (73,3 %) handelte es sich um eine palliative Krankheitssituation. In 78 % der Fälle erfuhr die vorgesehene Therapiestrategie durch neue Aspekte, welche der hausärztlich versorgende Kollege vortrug bzw. der Pathologe oder die Experten einbrachten, eine Änderung. In 56 % der Fälle wurde die hausärztlich vorgesehene Therapiestrategie durch neue Aspekte, welche die Kliniker erhoben hatten, geändert.
Im Rahmen der palliativen Krankheitssituation wurde in über einem Drittel der Fälle eine abwartende Haltung empfohlen. Bis zu einer möglichen Verschlechterung der Krankheitssituation sollte die bestmögliche Supportivbehandlung erfolgen. Im Bedarfsfall erfolgte eine erneute Besprechung.
Begleitet wurde diese Initiative auch durch den Onkologischen Arbeitskreis Wittener Ärzte, der auch ein Qualitätszirkel darstellt. Dieser unterstützte die Initiatoren der onkologischen Visite durch spezifische Fortbildungen, welche sich mit bestehenden Therapieleitlinien und supportiven Maßnahmen beschäftigen.
Durch die wöchentlich tagende onkologische Visite konnte eine Optimierung der onkologischen Behandlung in Witten erreicht werden. Die Optimierung umfasste alle Aspekte der Behandlung eines Tumorpatienten von der Diagnose bis zur Palliativsituation in der Sterbephase. Insbesondere war es möglich, den größten Anteil der Patienten unter ambulanten Bedingungen zu behandeln und die behandelnden Hausärzte voll in die Betreuung einzubeziehen. Hierdurch war ein Rückgang an stationären Behandlungen möglich, letztes insbesondere im Sinne der Patienten. Dies führte bei diesen zur Anhebung der Lebensqualität bei gleichzeitiger Kostendämpfung.
Innerörtlich ist die Akzeptanz der Onkologischen Visite sowohl bei Klinikern, Niedergelassenen und Patienten außerordentlich hoch. Die Therapieempfehlungen für die Patienten werden von diesen akzeptiert und umgesetzt. Bei Patienten wurde beobachtet, dass diese einer empfohlenen Therapie leichter zustimmten, wenn der Hinweis erfolgte, dass diese Empfehlung im Rahmen des Expertengremiums getroffen wurde. Der Wunsch nach einer Zweitmeinung bei betroffenen Patienten ist aufgrund von Aussagen der beteiligten niedergelassenen Ärzte und Kliniker durch die Onkologische Visite deutlich zurückgegangen.

Angaben zu den Autoren

  • F.E. Koch: Gemeinschaftspraxis, Ruhrstraße, Witten + Onkologisches Zentrum Wittener Ärzte
  • M. Koch: Internistische Gemeinschaftspraxis Ardeystraße, Witten + Onkologisches Zentrum Wittener Ärzte
  • H. Höfeler: Medizinische Klinik am Evangelischen Krankenhaus, Witten + Onkologisches Zentrum Wittener Ärzte
  • G. Haunerland: Frauenklinik am Evangelischen Krankenhaus, Witten + Onkologisches Zentrum Wittener Ärzte
  • H. Eimermacher: Katholisches Krankenhaus Hagen, Klinik für Hämatologie und Onkologie + Onkologisches Zentrum Wittener Ärzte
  • M. Schrader: Praxis für Schmerztherapie, Ruhrstraße, Witten + Onkologisches Zentrum Wittener Ärzte
  • I.A. Adamietz: Marienhospital Herne, Universitätsstrahlenklinik der Ruhr Universität Bochum + Onkologisches Zentrum Wittener Ärzte
    Poster beim Deutschen Krebskongress in Berlin im März 2001